Pjöngjang wird das Atomprogramm nicht als Verhandlungsmasse für eine Annäherung an die USA einsetzen, sondern dieses zusammen mit dem Raketenprogramm weiterentwickeln.
von Dr. Martin Senn
Nordkoreas zweite Detonation eines nuklearen Sprengsatzes kam einigermaßen überraschend, obwohl in den vergangenen Wochen bereits erhöhte Aktivitäten auf dem Gelände des ersten Tests im Nordosten des Landes festgestellt wurden. Wenig überraschend ist auch, dass diese neuerliche Eskalation mehrheitlich als Kontinuität nordkoreanischen Außenverhaltens gedeutet wird. Pjöngjang spricht auf seine Art zu Südkorea, dessen Präsident Lee Myung-Bak in den vergangenen Monaten eine härtere Gangart gegenüber dem kommunistischen Nachbarland eingeschlagen hatte, und zu den Vereinigten Staaten, deren Präsident versucht hatte, Nordkoreas Provokationen zu ignorieren. Diese Erklärung ist nicht von der Hand zu weisen, jedoch dürfte im Fall des zweiten Nukleartests eine nach innen gerichtete Motivation ebenfalls eine erhebliche Rolle gespielt haben.
Nach Monaten der Spekulation über den Gesundheitszustand des nordkoreanischen Potentaten Kim Jong-il sollte und konnte dessen Auftritt vor der Obersten Volksversammlung klarstellen, dass Abgesänge auf den „Lieben Führer“ verfrüht waren. Von diesem Auftritt blieb jedoch auch das Bild eines deutlich gealterten und geschwächten Kim Jong-il. Als einige Tage später dessen jüngster Sohn Kim Jong-un in das höchste Gremium des Staates, die Nationale Verteidigungskommission, befördert wurde, verdichteten sich die Anzeichen, dass Kim Jong-il angesichts seines ungewissen Gesundheitszustandes bereits seine Nachfolge vorbereiten könnte.
Ob diese dynastische Erbfolge reibungslos verläuft, hängt in erheblichem Maße von den Streitkräften ab, die den nordkoreanischen Herrschaftsapparat nach innen und außen stützen. Dementsprechend sind es auch die Streitkräfte, die die Herrschaft der Kim-Familie stürzen und durch eine Militärregierung ersetzen könnten. Dieser Schlüsselposition des Militärs hatte Kim Jong-il bereits mit seiner Songun- oder „Militär zuerst“-Politik Rechnung getragen.
Zeichen an den militärischen Pfeiler
Wie in allen anderen Staaten, die über militärische Nukleartechnologie verfügen, so gehören auch in Nordkorea die militärischen Eliten zu den stärksten Advokaten einer nuklearen Bewaffnung, von der sie sich einen Ausgleich konventioneller Unterlegenheit und nicht zuletzt einen erheblichen Prestigegewinn versprechen. Der zweite Test eines nuklearen Sprengsatzes kann daher als ein Zeichen an den militärischen Pfeiler der Kim-Dynastie verstanden werden. Kontinuität des militärischen Nuklearpotenzials ist die Botschaft an das Militär, von dem im Gegenzug Kontinuität der Loyalität an Kim Jong-ils Nachfolger erwartet wird.
Da das militärische Nuklearpotenzial Nordkoreas nicht nur als Hebel zur Erreichung außenpolitischer Ziele dient, sondern ebenfalls eine herrschaftssichernde Funktion nach innen und außen hat, scheint die Finalität einer koreanischen Halbinsel ohne Nuklearwaffen in weite Ferne zu rücken. Pjöngjang wird das Nuklearprogramm nicht als Verhandlungsmasse für eine Annäherung zu den Vereinigten Staaten einsetzen, sondern dieses zusammen mit dem Raketenprogramm weiterentwickeln. Während also in Nordkorea für Kontinuität gesorgt wird, bleibt zu hoffen, dass China, Russland und die Vereinigten Staaten in ihrer Politik gegenüber dem rüstenden Einsiedlerstaat nicht mehr länger auf Kontinuität setzen.
Dr. Martin Senn ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck und Mitglied der International Security Research Group. Er kommentiert rüstungspolitische Themen auf seinem Blog www.armscontrol.at.
in: DiePresse, Printausgabe, 28.05.2009 (Url: http://diepresse.com/home/meinung/gastkommentar/482676/index.do)